Außer Rand und Band: Ich schaffe das nicht.

Die Schüler:innen sind zu anstrengend.

Als Kolleg:innen an einer Förderschule für geistige Entwicklung in einem sozialen Brennpunkt beobachten wir seit einiger Zeit stark steigende Schüler:innenzahlen. Die Anzahl sprengt die personellen und räumlichen Ressourcen. Die Schüler:innen der ersten Klassen sind dazu extrem verhaltensauffällig, oft ohne Sprache, sehr viele Kinder, deren Auffälligkeiten zusätzlich aus dem Autismusspektrum zu stammen scheinen (eine Diagnose liegt oft noch nicht vor). Die Lehrkräfte der ersten Klassen werden täglich körperlich angegriffen, manche Kinder reagieren extrem auf Regeln und Einschränkungen. Einige Kinder sind motorisch sehr unruhig oder laufen weg, schreien laut und anhaltend, wehren sich wenn sie an die Hand genommen werden. Von zuhause sind sie Einschränkungen kaum gewohnt und damit als erstes in der Schule konfrontiert. Etliche Kinder sind nur beschulbar, wenn sie eine individuelle Integrationskraft haben. Von Woche zu Woche sieht man aber kleine Entwicklungsschritte und nach ein bis zwei Jahren ist eine gewisse Gruppenfähigkeit entwickelt.

Die anfängliche Förderung fordert den Lehrkräften besonders viel ab. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung und der Verlauf nicht vorhersehbar. Andererseits gibt es viele lustige und ermutigende Situationen, die Schüler:innen, so verwirrt sie auch manchmal sein mögen, berühren das Herz.

Der Gedanke “Ich schaffe das nicht.” tauchte bei mir eine zeitlang fast täglich im Zusammenhang mit “Die Schüler:innen sind zu anstrengend” auf. Ich überprüfe den Gedanken mit The Work. Der Frage- und Antwortprozess erfordert Stille, eine meditative Haltung. Er ist individuell. Meine Antworten müssen nicht deine sein. Er ist ehrlich. Manchmal tauchen Dinge auf, die ich vor mir selbst verborgen haben. Im Prozess erlaube ich mir, sie zu sehen und zu benennen.

Die Schüler:innen sind zu anstrengend.

  1. Ist das wahr?

    Ja

  2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass der Gedanke wahr ist?

    Ja

  3. Wie reagierst du, was passiert, wenn du den Gedanken glaubst?

    Ich fühle mich überfordert, werde müde, kraftlos. Ich bin hilflos. Sehe keine Ausweg. Habe einen inneren Widerstand gegen die Arbeit. Empöre mich darüber, finde Gründe dafür, dass ich Recht mit meiner Empörung habe. Suche die Verantwortung für die Situation erst bei den Eltern der Schüler:innen, dann bei der Schulpolitik, dann in der Gesellschaft. Ich denke an die Zukunft und sehe schwarz. Angst und Verzweiflung tauchen auf. Ich werde wütend und wäge ab alles hinzuwerfen. Mein Körper ist schwer, jeder Schritt fällt mir schwer. Ich behandle die Schüler:innen mit Abstand, fühle mich von ihnen bedroht. Ich versuche mich zu schützen, zu schonen. Nach der Arbeit habe ich keine Kraft mehr, sitze herum. Habe das Gefühl, den Arbeitstag nicht noch einmal durchstehen zu können. Lebe mechanisch. Ich bin nicht in der Lage mich jeden Tag neu auf die Situation einzulassen. Ich kann nicht sehen, dass ich nicht alleine bin, dass ein Team um mich herum ist. Dass es kleine Fortschritte gibt, dass es Kinder gibt, die schon viel können. Ich fokussiere mich so stark auf die schwierigen Kinder, dass ich nichts anderes sehen kann.

  4. Wer bist du ohne den Gedanken?

    Ohne den Gedanken bin ich mit mir verbunden. Spüre ich meine Müdigkeit ohne Geschichte darüber, wo sie herkommt. Alles in mir wird friedlicher. Da ist plötzlich eine große Ruhe. Die nach der ich mich gesehnt habe. Ich fühle mich mit den Schüler:innen verbunden. Sie sind keine Feinde. Etwas entspannt sich. Ich fühle mich handlungsfähiger. Habe weniger Ansprüche an die Situation. Kann sie mehr so nehmen wie sie kommt.

Kehre den Gedanken um.

U1 Mein Denken ist zu anstrengend.

  • Das ist wahr. Mein Denken in alle Richtungen, voller Ansprüche an die Kinder, an mich, an die Eltern, an die Politik und die Gesellschaft ist total anstrengend.

  • Mein Denken ist zu anstrengend, weil es mich von der alltäglichen Situation distanziert. Ohne den Gedanken bin ich mitten drin und alles ist gut. Ich sage nein, ich sage ja, ich handle, ich beobachte, ich räume den Sandkasten auf, ich halte ein Kind fest, ich spiele Gitarre, ich höre die Geräusche.

U2 Die Schüler:innen sind nicht zu anstrengend.

  • Sie sind das was sie sind. Es wird nur dann anstrengend, wenn ich erwarte, dass sie anders sein sollten als sie sind.

  • Wenn ich sie machen lasse, was sie wollen, sind sie nicht anstrengend.

  • Es gibt immer mal wieder Minuten, in denen sie nicht zu anstrengend sind.

U3 Ich bin zu anstrengend.

  • Wahrscheinlich empfinden die Schülerinnen mich als anstrengend. Und die Eltern auch, besonders wenn ich etwas von ihnen fordere.

  • Ich bin zu anstrengend für mich selbst, wenn ich von mir fordere immer voller Kraft und Durchsetzungsfähigkeit zu sein. Manchmal gibt es einfach so richtige sch… Tage und das ist auch ok.

Vielleicht findest du noch weitere Beispiele für dich oder auch noch mehr Umkehrungen. Für mich ist es ok so und ich fühle mich klarer und freier. Diese Überprüfung ist abgeschlossen.

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