Coronaeltern

Heute habe ich den Hashtag #Coronaeltern auf Instagram gesehen. Es gibt so viele Familien, die durch die wochenlange Zeit in engster, häuslicher Nähe an ihre Grenzen kommen. Mütter, Väter, Alleinerziehende, Kinder, Großeltern…die Liste ist lang.

Ich finde in Social Media Kanälen und in meiner Nachbarschaft, sowie bei den Familien meiner Schüler*innen sehr viele Beispiele dafür, dass absolut großartig mit der jeweiligen Situation umgegangen wird, dass Kräfte und Liebe freigesetzt werden und gleichzeitig, zumindest zeitweise, große Hilflosigkeit und Frustration herrschen. Besonders der Gedanke “Ich brauche Zeit für mich” scheint viele Mütter, besonders die junger Kinder, zu belasten.

Wenn du jetzt stutzt und denkst oder schreist (innerlich oder äußerlich): NEIN es ist doch nicht der Gedanke, der mich belastet!! ES IST DER ZUSTAND!!! ist das nur zu verständlich. Halte trotzdem einen Moment inne und stell dir die gleiche Situation ohne den Gedanken vor. Nur für einen Moment. Du brauchst den Gedanken ja nicht aufgeben. Nur einen Moment visualisieren, wie die ganze Situation ohne den Gedanken “Ich brauche Zeit für mich” auf dich wirken würde.

Ich lade dich ein zur Befragung mit den Fragen von “The Work”. The Work ist ein meditativer Prozess, in dem belastende Gedanken und Situationen mit vier einfachen Fragen überprüft werden. Oft führt der Prozess zu größerer Ruhe und innerem Frieden, ohne dass sich an den äußeren Umständen etwas ändern muss.

Ich brauche Zeit für mich.

  1. Ist das wahr? Ja

  2. Kannst du absolut sicher wissen, dass das wahr ist? Nein. (auch ein Ja wäre hier völlig in Ordnung. Meine persönliche Antwort für diese Frage lautet aber nein)

  3. Wie reagierst du und was passiert, wenn du den Gedanken glaubst? Ich werde nervös, wütend. Ich sehne mich nach Ruhe. Ich denke an Tage zurück, an denen alle weg waren und ich einfach mal 5 Minuten für mich alleine hatte. Ich bin frustriert, suche Schuldige. Bin wütend auf die Regierung, auf die Politiker, die mich alleine lassen. Ich fühle mich wie der Packesel der Nation. Fühle mich ungesehen, unwichtig, als Opfer. Ich fühle mich überfordert, an meinen Grenzen. Ich denke an andere Situationen in meinem Leben in denen ich mich schon früher so gefühlt habe. Ich denke in die Zukunft, male mir Horrorszenarien aus. Höre oder sehe Nachrichten und Prognosen und möchte nur noch, dass das alles endlich ein Ende hat. Ich bin wütend auf meine Kinder, die mich nicht in Ruhe lassen, sondern mich besonders fordern. Ich will, dass sie ruhig sind. Gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen, mache mir Vorwürfe, dass ich gerade jetzt für sie da sein müsste. Ich mache mir Sorgen um sie, um ihre Entwicklung. Ich träume mich in einen Tagtraum. Romantische Vorstellungen von Badewanne, Shopping, Blumen kaufen oder einfach Wäsche aufhängen ohne ein Kind am Bein.

  4. Wer wärest du ohne den Gedanken? Ich wäre mehr hier. Im Moment. Ich würde meinen Körper spüren. Meinen Atem. Mir wäre klar, dass ich gerade einen kleinen Moment für mich habe. In meinen Gedanken. Selbst wenn ich zur gleichen Zeit ein Kind auf dem Arm trage. Ich wäre entspannter. Jetzt gerade hier in diesem einen Moment gibt es Entspannung. Ich freue mich über die Sonne.

Kehre den Gedanken um und finde für jede Umkehrung mindestens drei konkrete, echte Beispiele, die sich für dich richtig anfühlen. (Es geht nicht um positives Denken!! Es geht um deine Wahrheit. Solange sie sich nicht richtig anfühlt, ist es kein echtes Beispiel. Vielleicht passen meine Beispiele nicht für dich, dann mach dich auf die Suche nach eigenen.)

Ich brauche keine Zeit für mich.

Ich brauche sie nicht, weil sie nicht überlebenswichtig ist. Ich atme, ich habe Stoffwechsel, ich schlafe, ich esse, ich trinke.

Ich brauche sie nicht, weil ich immer mal wieder Phasen habe, in denen ich mich wohl fühle. Selbst wenn um mich der größte Trubel herrscht.

Ich brauche sie nicht, weil sie im Augenblick nicht so da ist, wie ich es mir vorstelle. Mir das Unmögliche zu wünschen tut mehr weh, als die Situation so anzunehmen, wie sie ist. (Das heißt natürlich nicht, dass ich sie nicht auch ändern kann, sobald ich die Möglichkeit dazu habe!)

Ich brauche sie nicht, weil ich schon oft erlebt habe, dass die herbeigesehnte Zeit für mich nicht so toll war, wie ich es mir vorgestellt habe.

Ich brauche Zeit für die Kinder.

Ich brauche Zeit für die Kinder, in der ich unbelastet von meinen Gedanken einfach nur mit ihnen zusammen sein kann.

Ich brauche Zeit für die Kinder, in der ich für ihre Zeit sorge, dass sie zur Ruhe kommen, dass sie Zeit mit sich selbst verbringen können.

Ich brauche Zeit für die Kinder, in der ich sie einfach wahrnehme. Wahrnehme ohne einzuschreiten, ohne mich unentbehrlich zu fühlen. Zeit, in der ich sie sehe, höre, ihre Haut rieche und mich von ihrem Sein im Moment bezaubern lasse.

Ich biete während der Coronakrise kostenlose Beratungen für Mütter und Väter via Zoom/Facetime (mit oder ohne Bild) an.

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