Ich habe die Klasse...

“… nicht im Griff”

Es gibt an meiner Schule großes Interesse daran, sich schulischen Problemen auf andere, konstruktive Art zu nähern als bisher. Deshalb haben wir eine Gruppe gegründet, die sich trifft, um belastende Alltagssituationen zu identifizieren und mit Hilfe von The Work zu überprüfen. Den Gedanken “Ich habe die Klasse nicht im Griff” haben wir gemeinsam überprüft.

Ich habe die Klasse nicht im Griff.

  1. Ist das wahr? Ja

  2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? Ja.

  3. Wie reagierst du und was passiert, wenn du den Gedanken glaubst? Ich bin verzweifelt, total angespannt, habe Angst vor der Begegnung mit der Klasse. Erinnere mich an die letzten Situationen mit der Klasse, in denen ich mich hilflos und ausgeliefert gefühlt habe. Ich fühle mich als Opfer, befinde mich in einem Horrorfilm mit ungewissem Ausgang. Ich sehe wie in einem Film die SchülerInnen über Tische und Bänke gehen, höre Beleidigungen und sehe körperliche Auseinandersetzungen. Es ist laut. Sehr laut. Ich schäme mich und zweifle meine Befähigung als Lehrerin an. Ich vergleiche mich mit Kolleginnen, die es besser hinbekommen. Ich versuche, meine Unfähigkeit zu verstecken. Ich fühle mich unfähig. Ich baue innerlich eine Mauer auf um mich zu schützen, ich versteinere. Habe keinen Kontakt zu mir selbst oder zu den SchülerInnen. Ich behandle die SchülerInnen wie eine große Gefahr, die mein Leben bedroht. Ich sehne mich nach Hilfe, nach jemandem, der kommt, der mich in eine andere Klasse steckt oder mir hilft, die Situation zu bewältigen. Ich bin nicht in der Lage, die SchülerInnen als Gegenüber wahrzunehmen, mich zu entspannen und meinen Beruf nicht in Frage zu stellen. Ich denke darüber nach wie es wäre krank zu werden, oder aus dem Job auszusteigen. Fühle mich schlecht deshalb, habe ein schlechtes Gewissen und zweifle an mir. Mache mir Vorwürfe weil ich von mir erwarte, dass ich das hinbekomme.

  4. Wer wärest du ohne den Gedanken? Ohne den Gedanken bin ich im Moment. Nicht in einem Film. Die Situation ist erst einmal wie sie ist. Ich fühle mich wacher, etwas entspannter. Die SchülerInnen machen einfach was sie machen. Ich sehe sie nicht mehr als breite, unkontrollierbare Masse sondern als Individuen. Ohne den Gedanken kann ich sehen, dass es nicht alle SchülerInnen sind, die mir Probleme machen. Ich fühle mich verbundener mit ihnen. Sehe die wenigen Störenfriede und habe Mitgefühl und Verständnis mit ihnen. Ich habe keinen Anspruch mehr an mich, wie ich in der Situation handeln sollte. Habe keine Idee mehr davon, wie der Unterricht ablaufen sollte. Ich kann den SchülerInnen und mir selbst ohne Urteil begegnen. Daraus kann sich alles entwickeln. Das fühlt sich gut an. Frisch und neu. Ich spüre Neugierde. Ohne den Gedanken “Ich habe die Klasse nicht im Griff” schäme ich mich nicht. Kann ich offen über meinen Lehreralltag sprechen und die KollegInnen als Gegenüber sehen und mit ihnen in Verbindung sein. Ich muss mich nicht verstecken. Ich kann offen über meine schwierigen Situationen sprechen und merke, dass das anderen helfen kann.

Kehre den Gedanken um.

Ich habe mich (bzw. mein Denken) nicht im Griff.

  • Mein Denken macht was es will. Es spielt mir einen Film ab von eskalierenden Klassensituationen, SchülerInnen, die gegen mich sind und mich an den Rand der Verzweiflung bringen. Mein Denken macht das völlig ohne mein Zutun, es ist das was es selbst will. Sich Geschichten erzählen. Ich will etwas ganz anderes. Ich will im Moment sein und wahrnehmen, dass ich o.k. bin.

  • Ich kann mein Denken auch gar nicht im Griff haben. Ich habe es nicht im Griff, weil es nicht möglich ist das eigene Denken im Griff zu haben. Ich kann ihm zuhören bzw. sehen und die Gedanken mit den Fragen von The Work überprüfen. Im Griff haben kann ich es nicht.

  • Ich habe mein Denken und die daraus entstehenden Gefühle nicht im Griff. Es ist wie im Kino. Ich sehe einen rührseligen Film und fange an zu weinen. Oder einen anderen Film und ich lache. Ich habe weder das Denken, noch die Gefühle im Griff.

Die Klasse hat mich nicht im Griff.

  • Ich habe den Schlüssel. 😉

  • Ich kann denken und fühlen was ich in dem Moment denke und fühle. Darauf hat die Klasse keinen Einfluss. Das ist meine eigene Angelegenheit, die die Klasse nicht im Griff hat.

  • Ich bin letztendlich unabhängig von der Klasse, von dem was sie im Augenblick tut oder nicht tut. Ich bin die Lehrerin, sie die Klasse. Egal wie die Umstände vielleicht aussehen mögen oder welche Geschichte ich aus den Umständen herauslese.

  • Ich kann auf Durchzug stellen und die Situation über mich ergehen lassen, ich kann auch total überraschend reagieren. Mit irgendetwas, was die SchülerInnen nicht erwarten. Diese Freiheit habe ich. Damit hat die Klasse mich nicht im Griff.

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