Prokrastination

Aufschieberitis muss nicht wirklich ein Problem sein. Ob du die Wäsche an diesem oder einem anderen Tag wäschst, dich um das Rasen mähen drückst oder andere Dinge aufschiebst, die keinen “Termin” haben, spielt nicht wirklich eine große Rolle. Schwierig wird es möglicherweise, wenn du dich deshalb schlecht fühlst, dein Tag nur noch aus Warten auf die Motivation besteht, wenn du viel Kraft beim “vor dir her schieben” verbrauchst. oder wenn dich das “nicht in Gang kommen” in unwiderrufliche Situationen bringt (z. B. bei der nicht rechtzeitigen Bearbeitung deiner Steuererklärung oder der Abgabe von Arbeiten im Rahmen von Studium oder Ausbildung)

Ich beschreibe dir ein Beispiel aus meinem Leben.

Seit einigen Tagen komme ich nicht richtig in Gang, ich hänge herum, mache sinnlose und sinnvolle Dinge und drücke mich vor einigen Teilen der Hausarbeit. Nicht, dass ich nicht arbeite oder nichts tue. Ich entwickele Seminare, kümmere mich um meine Schüler*innen und ihre Eltern im Rahmen der Pandemiebedingten Schulschließungen, begleite Menschen im Coaching, koche, gehe spazieren. Doch es gibt ein paar Hausarbeiten, gegen die ich mich innerlich wehre. Denen ich gekonnt oder weniger gekonnt aus dem Weg gehe. Die sich im Lauf der Tage wie eine Last auf mich legen.

Mit Hilfe von The Work kann ich mir vielleicht weiterhelfen. Begleite mich gerne bei der Identifizierung und Überprüfung meiner Gedanken dazu.

Ich habe keine Lust das Bad einer Großreinigung zu unterziehen, obwohl ich den Eindruck habe, es wäre mal wieder dran. Welche Gedanken halten mich davon ab?

  • Ich habe keine Lust.

  • Es dauert zu lange.

  • Es wird eh wieder schmutzig.

  • Es ist mühsam.

  • Ich muss auf dem Boden herumkriechen.

  • Es ist anstrengend (für mich).

  • Ich muss meinen Rücken schonen.

  • Meine Haut wird von der Putzerei so trocken.

  • Mein Mann sollte das auch mal machen.

  • Immer muss ich das machen.

Ich überprüfen den Gedanken, der für mich persönlich im Augenblick die meiste Überzeugungskraft hat, die größte emotionale Ladung enthält.

Ich entscheide mich für den Gedanken: Es ist anstrengend für mich.

  1. Ist das wahr? Ja

  2. Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? Nein.

    (Hier taucht bei mir die Erinnerung an frühere Badgrundreinigungsaktionen auf, die irgendwie schön und zufriedenstellend waren, deshalb kann ich es jetzt nicht absolut sicher wissen ob es wirklich anstrengend ist. Möglicherweise ist es anstrengend aber auch gleichzeitig so zufriedenstellend, dass mir die Anstrengung nicht so richtig auffällt)

  3. Was passiert, wie reagiere ich, wenn ich den Gedanken glaube?

    Ich fühle mich angestrengt, gehe dem Gedanken aus dem Weg. Habe keine Lust, bin genervt. Setze mich selbst unter Druck. Mache mich schlecht (z. B. mit Sätzen wie: Stell dich nicht so an, meine Güte so anstrengend ist es ja nun auch nicht, was bist du?, sei nicht so faul…)

    Ich fühle mich unnütz, schiebe den Zeitpunkt des Putzens vor mir her, fühle eine Last auf mir, auf meiner Brust und meinen Schultern, Ich bin unfähig, irgendetwas zu tun, was nur im entferntesten an Anstrengung erinnert.

    Ich sehe mich in Gedanken über den Badezimmerboden kriechen, sehe mich an Ritzen scheitern, an die ich nicht herankomme, bleibe in Gedanken an unserem alten Badezimmerschrank hängen, der sich langsam verfärbt. Ich versuche Argumente dafür zu finden, dass ich das ja jetzt auch nicht machen MUSS. Trotzdem bleibt das blöde Gefühl. In meinen Gedanken ist das Bad viel, viel schmutziger als es, realistisch betrachtet, ist. Ich tadele mich selbst dafür, dass ich in meinem Kopf daraus so eine große Sache mache.

    Mit dem Gedanken “Es ist anstrengend für mich.” bin ich nicht in der Lage fröhlich nichts zu tun. Das Bad einfach entspannt auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Ich bin aber auch nicht in der Lage es jetzt fröhlich und motiviert zu machen.

    Ich merke wie ich mich schäme dafür, dass ich, eine gestandene Frau, die den Haushalt seit Jahrzehnten wuppt, das jetzt nicht hinbekommt. Die Scham erstreckt sich auch darauf, diese Überprüfung hier zu veröffentlichen “was sollen die Leute denken? Du willst Coach sein?” Mit dem Gedanken “ Es ist anstrengend für mich” kann ich das Putzen anscheinend mit einigermaßen gutem Gewissen vor mir herschieben, das scheint so etwas wie ein Nutzen des Gedankens zu sein. Etwas wofür ich ihn zu brauchen glaube.

  4. Wer wärest du ohne den Gedanken?

    Ohne den Gedanken kann ich entspannt das tun, was ich gerade tue. Ohne den Gedanken spielt das Bad auf einmal keine besonders große Rolle mehr. Ich putze es oder ich lasse es. Beides ist gut. Ich fühle mich im hier und jetzt wohl. Ich fühle mich frei ohne eine Geschichte über mich als unsaubere, unordentliche und faule Person. Ich bin die, die ich bin und es ist total ok. Ich fühle mich befreit von der Last des Schiebens. Ohne den Gedanken ist das Bad plötzlich einfach nur noch das was es ist. Ein Bad. Ohne den Gedanken wird es fast ein bisschen lustig, was ich mit meiner Geschichte daraus gemacht habe. “Das anstrengende Bad” (Drama in drei Akten) - oder so ähnlich.

Kehre den Gedanken um.

Ursprungsgedanke: Es (Das Bad putzen) ist anstrengend für mich.

  1. Die Umkehrung zu mir: Ich bin anstrengend für mich. Mein Denken ist anstrengend für mich. Oder auch: Ich bin angestrengt von mir..

    • Ja das stimmt. Es ist wahr. Ich bin anstrengend für mich selbst. Mein Denken über das Bad ist es, was die Anstrengung verursacht, nicht das Putzen (das ich ja im Augenblick auch gar nicht mache…) Dadurch fühle ich mich angestrengt, nicht durch das Putzen selbst.

    • Ich bin anstrengend, weil ich mich in Gedanken in der Zukunft aufhalte, in Gedanken dort schon das Bad putze und davon jetzt in der Gegenwart, in der ich einfach nur hier sitze und darüber nachdenke, angestrengt bin. (Mir fällt auf, wie absurd das ist, eigentlich sogar lustig).

    • Es ist auch anstrengend für mich, weil ich die Zeit, die ich jetzt gerade habe, dafür nutze, um mir anstrengende Gedanken zu machen statt sie einfach zu genießen. Ich brauche ja nicht anzufangen das Bad (in Gedanken) zu putzen bevor ich es in Realität tue.

  2. Die Umkehrung zum anderen: Ich bin anstrengend für das Bad-putzen.

    • Das Bad und das Putzen ist einfach was es ist. Der Raum kümmert sich nicht um mich, es steht mir zur Verfügung, ich kann mich dort um mich sorgen, mich waschen, pflegen, gute Sachen riechen (meine Parfums stehen im Bad ,-)). Auch das Putzen ist einfach was es ist. Ich bin anstrengend für das Bad und das Putzen, indem ich darüber eine schwierige Geschichte erzähle. In dem Moment, in dem ich gestresst bin, unterschlage ich die schönen und angenehmen Seiten des Bades und des Putzens (es wird sauber, sieht gut aus, ist hygienisch) (Natürlich ist die Bezeichnung, dass ich dadurch anstrengend für das Bad bzw. das Putzen bin etwas weit hergeholt aber es ist mir durch diese Umkehrung möglich, diesen Aspekt der Geschichte zu erkennen, deshalb macht sie für mich Sinn.)

  3. Die Umkehrung ins Gegenteil: Es (das Bad Putzen) ist nicht anstrengend für mich.

    • In dem Moment, in dem ich darüber nachdenke, ist es nicht anstrengend. Es ist gar nicht da, ich putze (noch) nicht, niemand beschwert sich darüber, das Bad lässt mich in Ruhe.

    • Wenn ich mir vorstelle, wie ich putze ohne den Gedanken, dann ist es auch nicht anstrengend. Es ist einfach was es ist. Ein Raum. Eine Hand. Ein Lappen. Putzmittel. Wasser. Es bekommt etwas meditatives. Ich nehme wahr. Ich bewege mich. End of Story.

    • Das Putzen selbst ist ohne den Gedanken gar nicht anstrengend. Ich bemerke, dass es tatsächlich nur der Gedanke ist, der es für mich anstrengend macht. Faszinierend.

    Falls es euch interessiert: Ich habe das Bad danach entspannt nicht geputzt. Habe nämlich zusätzlich gerade ein bisschen Nacken/Rücken und finde, dass mein Körper im Augenblick Ruhe und Dehnübungen braucht. Ich freue mich aber jetzt schon darauf, das Bad zu putzen. 😉

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